Interview mit Itchy von Culcha Candela
Am 30.09.2007 19:10:18
Culcha Candela standen uns, trotz der vielen Arbeit, für ein leider etwas kurzes aber trotzdem sehr interessantes Mailinterview zur Verfügung. Besonders auf ein paar Fragen eines, vom neuen Album eher entäuschten, Fans aus dem Culcha Candela Fanforum, ist Itchy jedoch sehr ausführlich eingegangen. Viel Spaß beim Lesen...
Reggae-Town (R-T): Stellt doch bitte erstmal euch und die Band vor...
Culcha Candela (Itchy): Wir sind aus Berlin; sieben. Sechs Vokalisten und ein DJ. Wir singen und rappen auf Deutsch, Spanisch und Englisch.
R-T: War die Band von Anfang an mit so vielen Mitgliedern geplant oder wie habt ihr zusammengefunden?
Itchy: Wir haben nix geplant, das Schicksal hat uns zusammengeführt.
R-T: Was habt ihr alle vorher gemacht? Was habt ihr gelernt?
Itchy: Verschiedenes…Manche haben studiert oder eine Ausbildung gemacht. Aber keiner zu Ende!
R-T: Wie entstehen eure Texte und die Musik? Teilweise sind eure Songs dreisprachig und mit so vielen Mitgliedern stelle ich mir die Produktion jedes einzelnen Songs so oder so schwieriger vor...
Itchy: Es gibt kein Patentrezept für die Entstehung eines Songs. Wenn es irgendein festes Schema gäbe, dann würde das ja jeder machen und zwar jeden Tag! Es geht bei uns darum sich den Ball zuzuspielen. Dabei formt man das Baby. Auf jeden Fall diskutieren wir leidenschaftlich gerne über alles. Dabei geht schon mal eine Menge Zeit flöten. Wir sitzen auch nicht permanent zu siebt über allen unseren Liedern. Bei manchen Songs ist gleich offensichtlich, wer am meisten Bock dazu hat. Es kann aber auch sein, dass jemand gerade eine Idee für eine Melodie oder so hat und sie gar nicht selber singt, sondern ein anderer aus der Gruppe.
R-T: Was wollt ihr mit euren Songs ausdrücken und wie ist diese Mischung aus Songs mit Inhalt und Partytunes entstanden?
Itchy: Wir stehen für Positives, für Gleichberechtigung, gegen harte Drugs und für Frieden. Die Mischung entsteht ganz natürlich, das sind wir und wir feiern gerne, geben den Hörern aber auch gerne was mit auf den Weg.
R-T: Welche Einflüße gibt es sonst in eurer Musik? Was hat euch inspiriert eine solche Band aufzumachen?
Itchy: Wir selber haben uns von Anfang an gegenseitig am meisten inspiriert. Es wird bei uns irgendwie immer die Einflüsse von Latin, Hiphop, Reggae und Dancehall geben.
R-T: Wie kann man sich Culcha Candela als Band vorstellen? Ist es wie eine Familie mit Freunden und habt ihr auch privat viel miteinander zu tun?
Itchy: Wir sind Kumpels und haben fast jeden Tag miteinander zu tun. Die Grenzen zwischen „privat“ und „nicht privat“ verschwimmen.
R-T: Welche Musik läuft in eurem Tourbus und zu Hause?
Itchy: Alles außer Techno, Schlager und Heavy Metal!
R-T: Was ist eure meistgehörte Interviewfrage? Ich tippe mal auf “Was bedeutet der Name Culcha Candela“?
Itchy: Ja. Der Name bedeutet soviel wie „Heiße Kultur“.
R-T: Was waren ansonsten eure bisherigen Lieblingsfragen in Interviews?
Itchy: „Was ist eigentlich mit Euch?“
R-T: Wie ist es für euch als Reggaeband den Spagat zwischen Populärmusik und trotzdem Szenemusik zu schaffen? Versucht ihr das überhaupt?
Itchy: Wie gesagt, wir sind keine Reggaeband. Wir versuchen keinen Spagat, es geschieht natürlich. Wir machen alles, wozu wir Lust haben.
R-T: Wie ist euer Kontakt zur Soundsystem Szene? Gab es schon Dinge wie Dubplateanfragen etc.? Ich sehe zumindest öfter Reedo als Soloartist auf Flyern...
Itchy: Wir haben guten Kontakt zu den Sounds, allerdings können wir, rein aus Zeitgründen, nicht so viele Anfragen bearbeiten.
R-T: Was waren bisher eure bleibendsten Eindrücke als Liveband? Vielleicht ein paar Backstageanekdoten von kreischenden Groupies?
Itchy: Der Auftritt auf dem diesjährigen „Summer Jam“ war ein bleibender Eindruck! Groupies und Backstage sind zwei Begriffe, die in unserem Wortschatz in dieser Verbindung nicht vorkommen.
R-T: Erzählt uns doch bitte was zu eurer neuen Single “Hamma“ und dem aktuellen Album.
Itchy: „Hamma!“ ist eine Hommage an die Frauen. Das neue Album ist das bisher beste Culcha Candela Album – hört es euch an.
R-T: Was können wir 2007 und 2008 noch von euch erwarten?
Itchy: Unsere nächste Single im Herbst und unsere „Hamma!“ Tour.
R-T: Zum Schluß, noch ein paar Fragen von einem Fan aus eurem Fanforum, der von eurem aktuellen Album eher enttäuscht ist. Vielleicht ist es ganz interessant für einige die es ähnlich sehen, diese Fragen mal beantwortet zu bekommen... 1. Wieso gibts jetzt ein neues Konzept/Image?
Itchy: Gibt es denn eines? Wir machen nix anderes, als die letzten fünf Jahre, nämlich Musik, die wir geil finden. Klar geht das neue Album insgesamt vom Sound her mehr in Richtung Hiphop, aber Hiphop war schon immer ein Teil von uns. Es ist vielleicht auch unser größter gemeinsamer Nenner, denn auf Hiphop Beats kann man unseren Style am besten fusionieren. Wir waren ja vorher auch keine Reggaeband, auch wenn das einige so sehen wollten. Wir sind Culcha Candela und machen den Sound, auf den wir Bock haben, Culcha Sound halt, der immer eine Fusion bleiben wird.
R-T: 2. Würdet ihr wirklich sagen, dass ihr noch "unique" seid? Ich meine, vorher seid ihr's gewesen....
Itchy: Jeder Mensch ist einzigartig, auf Englisch „unique“. Wir sind nicht die einzigen Rapper und Sänger auf der Welt, aber man kann schon sagen, dass wir eigentlich überall, wo wir aufkreuzen, in jedem Land, in dem wir spielen, den Leuten einen außergewöhnlichen Anblick bieten.
R-T: 3. Wird's in dem Style wie jetzt weitergehen?
Itchy: Wir können nicht sagen, auf was wir beim nächsten Album Bock haben werden. Eines ist sicher: Wir werden singen und rappen und zwar auf drei Sprachen.
R-T: 4. Wieso verdammt nochmal Jamba?
Itchy: Jamba ist ein kleiner Teil des großen Spiels Musikbusiness und hat für uns auf jeden Fall am wenigsten zu bedeuten! Es ist für uns sogar so unwichtig, dass wir gar keine Lust haben uns mit unseren Vertragspartner wegen so einer Scheiße zu streiten, wenn die Lust auf Ringtones haben. Eines ist sicher: der Trend ist, dass Leute immer weniger Platten kaufen, was wir total scheiße finden. Viele Kids holen sich dafür aber Klingeltöne. Kauft mehr Platten, erzieht eure kleinen Brüder und Schwestern!
R-T: 5. Können sich Prinzipien so krass ändern, dass man ein halbes Album darüber singt/rappt, dass man ne Frau klar macht?
Itchy: Frauen sind für uns die schönste Inspiration für Musik. Die Musik ist für uns am ehesten mit einer Frau vergleichbar! Es gibt zwei Alben von Culcha Candela, auf denen wir auch ganz andere Geschichten erzählen. Man kann auch nicht auf jedem Album über die ewig gleichen Sachen singen. Jeder redet zum Beispiel auf einmal über Klimawandel - wir haben schon 2005 den Song „Mother Earth“ gemacht. Man muss sich auch mal mehr nach innen besinnen. Lokal handeln und damit eventuell global etwas verändern, nicht umgekehrt. Auch wenn es mal bedeutet, eine Menge Lieder über Ladies zu machen. Wir lieben Frauen und sagen das mit Stil.
R-T: 6. Wer zur Hölle ist euer PR-Berater? Wenn es um Verkaufszahlen geht, dann fallt ihm um den Hals. Ansonsten schickt ihn zurück zu Tokio Hotel...
Itchy: Also manchmal ist das schon lustig, wenn man so eine Frage gestellt bekommt! Was die Leute sich so denken…Wir beraten uns selber und finden, dass wir einen super Geschmack haben. Das vergessen die Leute immer, wenn sie überstürzt solche Fragen stellen: wir mögen, was wir machen!
Liebe Fans der ersten Stunde: es ist nicht schlimm uns mit mehr Menschen zu teilen. Lasst uns zusammen positiv Spaß haben. Ich wette, wenn „Hamma!“ nicht zufällig so hoch in den Charts gelandet wäre, sondern so auf Platz 200, dann währen alle Ur-Fans total friedlich, aber wir hätten trotzdem nix davon. Wir wollen uns weiterentwickeln und dazu gehört auch Erfolg, sonst tritt man nur auf der Stelle.
R-T: Vielen Dank, für die ehrlichen Antworten... noch ein abschließendes Statement für die Leser?
Itchy: Holt euch unser Album. Holt euch alle unsere Alben! Kommt zu unseren Shows auf der Tour. Seid lieb zueinander, verändert erst in eurem direkten Umfeld etwas!
