Podiumsdiskussion im Kesselhaus
Gestern Abend um 20:00 Uhr fand die Diskussionsrunde "Gegen Homophobie in der Kunst! Aber wie?" statt. Welche Positionen es gibt, wie die Diskussion verlief und ob es Lösungsansätze gibt erfahrt ihr hier...
Dass man sich bei dem Begriff "Kunst" nur auf Reggae beschränkte war eigentlich von Anfang an klar. Zu den Diskussionsgästen zählten Eddie Brown (unter anderem Tourveranstalter von Sizzla), der Chef des LSVD (Lesben- und Schwulenverband Deutschland) Klaus Jetz, Contour-Chef Klaus Maack, Grünenabgeordneter Volker Beck und Journalist Ulli Güldner. Aber auch die Botschafterin von Jamaika war im Publikum anwesend. Moderiert hat der ehemalige Geschäftsführer der Werkstatt der Kulturen Andreas Freudenberg. Es war eine teils sehr hitzige und emotionale Diskussion. Einen richtigen Diskurs hat man nicht gefunden. Während des Gesprächs wurde immer wieder von "den Acht" gesprochen. Also die acht Künstler um die es im Kern geht. Welche genau das nun sind wurde kein einziges Mal erwähnt. Es wurde lediglich auf Sizzla und einmal kurz auf Buju Banton eingegangen. Grundlegend gab es einen Konsens über die Ablehnung homophober Inhalte im Reggae und generell.
Maack und Brown waren schließlich zusammen mit unter anderem Outrage-Chef Peter Tatchell diejenigen, die 2007 den Reggae Compassionate Act (RCA) ins Leben gerufen haben. Dieser hat laut Maack eine große Diskussion in Jamaika ausgelöst. Es kam zu Berichten im Gleaner - einer jamaikanischen Tageszeitung - und zu Diskussionsrunden im TV. Ziel des RCA war es einen erzieherischen Impuls zu geben. Maack, Güldner und Brown machten auch klar, dass niemand behauptete, dass der RCA eine endgültige Maßnahme sei. Er solle ein erster Schritt in die richtige Richtung sein und erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Beck wies immer wieder daraufhin, dass Sizzla den Act gebrochen habe und die Unterzeichnung desselbigen im Ausland abgestritten hätte. Hier bezichtigten sich Maack und Beck gegenseitig der Falschaussage. Im Endeffekt konnte niemand belegen, ob Sizzla die Unterzeichnung abgestritten hat oder nicht. Vermeintliche Falschaussagen dieser Art oder Verallgemeinerungen warfen an dem Abend das größte Konfliktpotential auf.
Interessant ist auch, dass der RCA von den verschiedenen Seiten unterschiedlich interpretiert wird oder gemeint ist. Während Beck von einer globalen Reichweite ausging, haben Brown und Maack erklärt, dass eine globale Reichweite gar nicht kontrollierbar sei. Man könnte nur für den Schengener Raum plus UK eine Kontrolle haben. Brown merkte auch an, dass alle anderen Länder mit dieser Vereinbarung einverstanden sind. Nur Deutschland, besonders der Norden, hätte ein Problem damit. Beck geht es allerdings darum, dass keine Künstler hierher kommen und Geld verdienen während sie außerhalb der EU zu Mord an Schwulen und Lesben aufrufen. Daher wirke der RCA, wenn er nur auf Europa bezogen ist, wie eine Sicherheitsmaßnahme, dass man hier die Konzerte durchführen könne.
Verschiedene Beiträge aus dem Publikum gaben den Gesprächen gute Impulse. Beispielsweise wurde auf die Gesetzeslage in Jamaika hingewiesen. (Siehe unseren letzten Artikel) Aus dem Publikum kam auch die Frage welche Schritte Beck versucht hat zu bewirken, als es noch einen grünen Außenminister gab. Man hätte über diesen Weg politischen Druck auf Jamaika ausüben können die Gesetzeslage zu überarbeiten, um eine Veränderung innerhalb der Gesellschaft zu bewirken. Beck wollte auf diese Frage nicht eingehen. Die Jamaikanische Botschafterin bestätigte erste Schritte der Zensierung expliziter Songs durch die Jamaica Broadcasting Commission. Man ist interessiert daran gewaltverherrlichende Songtexte einzudämmen, um gerade die Jugend davor zu schützen. Sie äußerte große Gesprächsbereitschaft und nannte den Abend einen Auftakt zu weiteren Schritten.
Zusammenfassend kann man sagen, dass alle bereit sind einen weiteren Act oder eine Weiterführung auszuarbeiten. Man ist sich auch einig, dass eine einheitliche Version her muss. Mittlerweile gibt es nämlich sieben unterschiedliche Versionen des Reggae Compassionate Act, da verschiedene Künstler Wörter herausstrichen oder hinzufügten.
Wenn die betroffenen Künstler Abstand von ihren homophoben Texten nehmen, sich weltweit entschuldigen und eingestehen einen Fehler gemacht zu haben ist Beck bereit den Druck auf die Künstler aufzugeben. Er verlangt nach eigener Aussage nicht, dass sich die Artists positiv äußern und sagen, dass sie Schwule und Lesben toll finden oder sich freuen einen schwulen Nachbarn zu haben. Maack hat versichert für alle weiteren Bookings den Reggae Compassionate Act als Vertragsgrundlage zu benutzen bis eine neue Version oder ein neuer Act ausgehandelt ist. Bisher hat er den Verzicht auf homophobe Aussagen auch immer zur Prämisse des Inkrafttretens eines Künstlervertrages gemacht. Wer diesen nicht unterschreibt bekommt von Contour nicht die Möglichkeit aufzutreten. Güldner meint es sei utopisch außerhalb von Deutschland eine Regelung zu installieren. Er ist für eine Selbsthygiene der deutschen Szene. Einem Bruch der Vereinbarung sollten Sanktionen folgen. Andere Länder müssten dann nachziehen. Brown bekräftige immer wieder, dass er sich gern mit allen an einen Tisch setzt, um einen weiteren Act auszuarbeiten. Dies hat er während der Diskussion immer wieder angeboten. Dem LSVD geht es primär um die Verbesserung der Situation von Schwulen und Lesben in Jamaika. Man möchte den Dialog, wird den Druck aber nicht abbauen bis sich etwas verändert. Er richtete sich direkt an die Botschafterin Druck auf die jamaikanische Regierung auszuüben die Gesetzeslage in Jamaika zu ändern. Auch wendete er sich an Ulli Güldner und warf ihm eine unausgewogene und einseitige Berichterstattung vor.
Im Endeffekt ist es ein positiver Schritt, dass die Hauptakteure sich einmal persönlich kennengelernt haben. Das macht die Diskussion vielleicht etwas greifbarer für die Beteiligten. Es war erstmalig, dass ein solches Gesprächsforum organisiert wurde. Das Kesselhaus hat die Verantwortung als Teil der Musikszene nicht ignoriert und eine Initiative ergriffen, die als Ausgangspunkt für weitere Schritte gesehen werden kann.
Zur Homophobie-Diskussion im Forum
Zum Thread der Podiumsdiskussion
I-Kalonji, Donnerstag, Februar 25, 2010
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