Zu Kolonialzeiten galt Haiti als eines der reichsten Länder der Karibik. Haiti bezahlte für seine Unabhängigkeit fast das ganze 19. Jahrhundert an seine ehemalige Kolonialmacht Frankreich. Die Politik ist instabil und langjährige Misswirtschaft führt dazu, dass man sich zum "Armenhaus Amerikas" entwickelt. Ein überbevölkerter Agrarstaat, mit dem geringsten pro Kopf Einkommen Lateinamerikas. Durch Erosion ist das fruchtbare Land seit der Besiedlung 1492 auf fast 50% geschrumpft und der Regenwald war bereits 1990 zu 98% abgeholzt. Wirbelstürme und Hurricanes haben von Sommer bis Herbst Hochsaison. Im Jahr 2009 blieben diese völlig aus.
In einer Tiefe von 13 Kilometer, 25 Kilometer west südwestlich von der Hauptstadt Port-au-Prince lag das Hypozentrum des Bebens, an der Grenze zwischen der karibischen und nordamerikanischen Platte. Die kleinere karibische Platte rutscht pro Jahr um sieben Millimeter an der Nordamerikanischen vorbei. Jetzt haben sich nach ersten Vermutungen, die Ränder der Platten auf einen Schlag um bis zu zwei Meter verschoben. Mit einer Erdbebenstärke von 7,0 auf der Richterskala während des Hauptbebens und starken Nachbeben sind innerhalb weniger Minuten die komplette Infrastruktur, Schulen, Kirchen, Hospitäler und Wohnhäuser zusammengebrochen. Genaue Zahlen zu den Opfern wird es wohl nie geben da es keine zuverlässigen Angaben zur Bevölkerungszahl gibt. Zum Freitag wurden bereits 40.000 Menschen als bestattet gemeldet und die Hilfe läuft nur schleppend an. Obama sendet 10.000 Soldaten und sorgt sich um die möglichen Flüchtlingsströme, während die UNO noch taktische Überlegungen anstellt. Deutschland sichert 830.000 Nahrungsrationen zu.
Vier bis fünf Tage kann man unter diesen Umständen überleben. Bei 31 Grad fehlt es in diesem Moment an Wasser, Essen, Zelten, ärztlicher Versorgung, Treibstoff und Leichensäcken. UNICEF warnt vor Menschenhändlern, die jetzt ihr Unwesen treiben. In Haiti ist der Voodooglaube sehr stark verbreitet. Menschen die nicht rituell begraben werden können, das Bild und der Geruch von tausenden Toten auf den Strassen und Massengräber verängstigen die Bevölkerung. Über die fehlende Koordination der Hilfe bricht Wut aus, bereits 2008 warnten Geologen vor einem bevorstehenden Großbeben in der Region.
In solch einem Fall regiert Geld die Welt. Was für uns ein kleiner Verzicht ist kann im Moment in Haiti Leben retten.
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Manja Kendler, Samstag, Januar 16, 2010